| Monte Argentario Almanach: Tourismus |
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| In diesem Kapitel finden Sie: Tourismus gestern und heute Tourismus & Medien Virtuelles Reisen Tourismus & Wirklichkeit |
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| Wahre oder künstliche Wirklichkeit: Der alte Hafen von Porto Santo Stefano. Foto: gm |
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Von Jo Wüllner |
Über das Reisen in wahre Wirklichkeiten Warum reist der Tourist? Zumeist will er einen anderen Teil der Welt kennen lernen, als den privat bewohnten. Seit wann reist der Tourist? Seit es ihn gibt. Und das ist noch nicht so lange her: Die Badereise des 17. Jahrhunderts ist wenigen jungen Aristokraten vorbehalten. Im achtzehnten Jahrhundert entsteht der Bildungsreisende, Goethe ist sein Grundmodell, Italien schon damals bevorzugtes Ziel verbindet es doch angenehmes Wetter, kulinarische Genüsse und kulturgeschichtlichen Reichtum sondergleichen. Bis der Tourist Rundumpakete angeboten bekommt, vergehen gut 100 Jahre. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich ein Markt von Reiseanbietern, die Touristik als organisierter Reiseverkehr entsteht. Der Erfinder der Pauschalreise ist Thomas Cook. Er packt am 4. Juli 1841 570 Reisende in einen Sonderzug von Leicester nach Loughborough, eine Ausflugsfahrt, die gerade mal 20 km Distanz überwindet. Der Reiseprospekt der ersten Agenturen bedient sich schnell der Fotografie, dem virtuellen Medium des 19. Jahrhunderts, das beliebige Weltansichten dem Betrachter nahe bringt. Und seither kann man bereits zu Hause anschaulich von fremden Weltgegenden träumen, die man in Kürze zu bereisen plant. Von Massentourismus ist erst seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die Rede. Dazu gehören: weit verbreiteter Wohlstand, Freizügigkeit des Reisens ohne übermäßige Grenzkontrollen, erschwingliche und sichere Verkehrsmittel und eine Sozialgesetzgebung, die Arbeitszeiten und Urlaub so regelt, dass zusammenhängende Frei-Tage zur Urlauben genutzt werden können. Heute haben Westeuropäer im Durchschnitt dreißig Tage Urlaub. Die Deutschen galten lange Jahre als Urlaubsweltmeister. Rezession, Krisen, Kriege und Terrorismus kratzen an dem Image. Der Trend geht zur spontan geplanten Kurzreise unter einer Woche. Top-Reiseland ist immer noch Italien, das 2002 seine Spitzenposition gegenüber den Konkurrenten Österreich, Spanien und Türkei ausbauen konnte. Und auch bei den Top-Städten unter den touristischen Zielen liegen mit Florenz, Rom und Venedig neben Wien und Paris drei italienische Metropolen unter den ersten fünf. Erreichbar ist dem Reiselustigen mehr, fast der ganze Globus ist heute touristisch erschlossen. Man mag Wale beim Gesang in polaren Gewässern belauschen wollen oder seine Fitness bei Wüstenwanderungen zu erproben suchen es gibt das passende Reiseangebot. Aber die so genannte Erlebnisgesellschaft überfordert ihre Erlebnissucher. Einer beschränkten Lebenszeit steht ein Übermaß an Freizeitangeboten gegenüber. Natur-Reservate, Wellness-Center, Musical-Premieren, Erlebnis-Parks und Shopping-Malls alles will genossen werden. Bevorzugt wird, was schnell erreichbar ist, maximale Bequemlichkeit oder je nach Geschmack Abwechslung bietet. Die Reise als Weg vom Heimatort zum Zielort selbst ist eher hinderlich. In der Mehrheit will man da sein und nicht unterwegs sein. Die ganze Welt sollte am besten hier und jetzt, also unmittelbar verfügbar sein. |
Wie die Zeit, so ist auch die Wahrheit das Produkt eines Gesprächs, das der Mensch mittels der von ihm erfundenen Kommunikations- Techniken und über sie mit sich selbst führt. Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode 1988 Es gibt keinen Unterschied zur Wirklichkeit. Der virtuell Reisende fühlt, schmeckt, riecht, erlebt mit allen perfekt getäuschten Sinnen eine Welt, die er als seine Welt erfährt. Würde diese Fiktion einsetzbare Technik, wäre der weltweite Tourismus am Ende. Jo Wüllner Online Querverweis: Copyright |
| Das Beispiel zeigt die Entwicklungsrichtung eines perfekten Tourismus. Der ist so clever und hat schon seit langem virtuelle Wirklichkeiten ins Urlaubs-Szenario eingebaut. Nur einer verschwindenden Minderheit von Touristen geht es um die naturbelassene Erfahrung des Dschungeltrips. Alle anderen wollen angenehme Erlebnisse oder Convenience, wie es das Marketing-Englisch nennt. Ein Strand wird allabendlich gereinigt, der Barmann liefert die Getränke an den überschatteten Liegestuhl, das Glasbodenboot zeigt die Unterwasserwelt ohne Tauchanstrengung. Die All-Inclusive-Anlage muss nicht mehr verlassen werden, die Folklore wird ins Foyer geladen, der Ausflug ins Dorf, das auch schon lange nicht mehr echt, sondern eine Souvenir-Einkaufsstraße ist, erübrigt sich. Alles sehr normal. Aber alles auch schon sehr künstlich. Was bei Las Vegas und diversen Disney-Welten noch deutlicher wird. Hier geht
es um Umgebungen, die permanent einen anregenden Input auf den Touristen abstrahlen, ein Input aus Bildern, Gerüchen, Sounds und angenehmen Gleichgewichtsstörungen es muss ja nicht gleich Bungeejumping sein. Wer in einen Disney-Park eintaucht, ist gleichzeitig in Paris, New York, einem Märchenschloss, einer Filmkulisse, mit echten Stuntmen, die so aussehen wie echte Schauspieler, deren Originale oder computergenerierte oder echte Doubles man im Cinema gleich nebenan genießen kann. Schnitt. Das ist eine Wirklichkeit des Tourismus, eine extreme, die manchen Kulturkritiker zur Entrüstung treibt. Aber es gibt andere, vielfältige Wirklichkeiten. Keine davon ist mehr so richtig echt. Aber was soll das auch sein, Echtheit? Wir sind Kulturwesen, wir gestalten unsere Umwelt, wir wünschen keine ungeregelte Natur, sondern eine gehegte, ungefährliche, aber abwechslungsreiche. So wird auch im Tourismus der Zukunft nicht eine Wirklichkeit durch eine virtuelle ersetzt werden. Der Tourist gestaltet durch seine Wünsche und Träume von anregenden Urlaubswirklichkeiten diese andauernd mit. Und wenn es etwas naturbelassener, wahrer, wirklicher sein soll, auch das kriegt der Reiseveranstalter schon hin. |
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