Monte Argentario Almanach: Politik > Vernetztes Dorf

   
  Auf dieser Seite:

Masse statt Klasse
Die Seiten des des Monte Argentario
Medialer Alltag.
Di Riccardo Bruni.


 
   
Die Altstadt von Porto Ercole.
Foto: Christina Max / Luciano Paterniti
   

     
 
Vernetztes Dorf —
Der Monte Argentario im Internet.
 
   
 
  Netzwerke sind keine Erfindung des letzten Jahrzehnts, auch wenn Marktstrategen es uns immer wieder einzureden versuchen.
 
Mit Netzwerken befriedigen wir unsere Massenbedürfnisse. Zunächst die elementaren, wie Trinkwasser und Lebensmittel. Dann soziale Sicherheit, wie Alters– und Krankenvorsorge. Stromnetze garantieren die Teilnahme aller an der fortschreitenden Technik. Kommunikationsnetze, Post und Telefon, zum Austausch von Ideen und Informationen – unbestreitbar ein menschliches Bedürfnis und überlebensnotwendig. Einbahnstraßen wie Radio, Fernsehen und Zeitungen und: Das Internet, jüngste Erfindung in einer Reihe von Netzwerken, und eigentlich das am wenigsten innovative. Es benutzt das schon bestehende Telefonnetzwerk. Als Interface dienen uns Bildschirm und Tastatur, beide schon seit über 50 Jahren in massenhaftem Einsatz.
 
Und die Inhalte? Ein Medium generiert keine Inhalte. Es leitet sie nur weiter. Alles was in unseren Köpfen ist. Keinesfalls mehr, tendenziell weniger.
 
Warum also diese Aufregung am Ende des letzten Jahrtausends? Ein neues Medium sollte nun alles verändern? Gut, einige Details haben sich verändert. Vieles ist schneller geworden. Die Anzahl der Ideen und der denkenden Menschen dürfte sich aber kaum verändert haben, die der Nicht-Denkenden vergrößert sich auch weiterhin. Aber nicht mal das kann man dem neuen technischen Medium anlasten. Sondern einem kleinen Teil der menschlichen Gesellschaft (Info-Elite), der es so akzeptiert und benutzt.
 
Masse statt Klasse
Früher als viele seiner Kollegen hat Umberto Eco den Computer für seine Arbeit entdeckt. Surfen im Internet gehört zum Alltag seiner Forschung. „Eines der Dramen des Internet ist der Überfluss an Informationen", meint er. "Wenn es zuviel Information gibt, fehlen die Kriterien, nach denen man auswählt. Wenn ich im Internet unter dem Stichwort Goethe suche, finde ich 10.000 Seiten zu Goethe. Aber welches sind die Brauchbaren und welches die Unseriösen? Ein Goetheforscher sieht das auf den ersten Blick. Ein Jugendlicher von 15 Jahren ist dagegen nicht in der Lage, zu unterscheiden.“
 
Eine der Zielsetzungen der Schule von morgen sei es, eine Bildung zu vermitteln, die es erlaubt, sich im Wust der Informationen zu orientieren, sagt der Semiotik-Professor aus Bologna. „Wenn man zu der Zeit, als ich Student war, etwas über Goethe wissen wollte, ging man in die Buchhandlung und fand dort vier Bücher. Zwei davon waren in einem renommierten geisteswissenschaftlichen Verlag erschienen. Denen konnte man also blind vertrauen. Heute im Internet gibt es keine Garantie mehr dieser Art. Die ganze Schulbildung muss deshalb überdacht werden. Sie muss uns in die Lage versetzen, in der Fülle der Informationen Entscheidungen treffen zu können. Wie das aussehen kann, weiß ich nicht. Aber wir müssen das in den nächsten Jahren in Angriff nehmen.“
   
     
Die Seiten des Monte Argentario
Für die überschaubare Anzahl der Internetsites des Monte Argentario – wir haben nur die ausgewählt, die tatsächlich auf dem Argentario gemacht werden – haben wir uns ein Beurteilungs-System ausgedacht. Wenn Sie im Internet über den Monte Argentario lesen wollen, können Sie das Portal www.monteargenta rio.info benutzen, und erfahren vorab, was Sie beim Klick auf die jeweiligen Seiten erwartet. Nach folgenden Kriterien und Prioritäten haben wir die Websites beurteilt:
 
1. Inhalt. Umfang und Relevanz. Redaktionelle Qualität. Sprachliche Qualität. Bildqualität. Mit anderen Worten: Substanz entscheidet.
 
2. Usability. Einfache und intuitiv verständliche Navigations-Systeme erschließen den Inhalt einer Website. Ein hoher Grad der internen– und externen Vernetzung macht individuelle Nutzung möglich. Manierierte Navigations-Systeme verstellen oder erschweren den Zugriff auf Inhalte. Navigationen oder ganze Websites, die mehr oder weniger als Selbstzweck funktionieren, halten wir in diesem Zusammenhang für irrelevant.
 
3. Technische Perfomance . Internetseiten über 70 KB Gesamtgröße – durch übergroße Bilder, Flash-Animationen oder Soundeffekte – führen zu unangenehm langen Ladezeiten. Solche Websites befriedigen vielleicht die Bedürfnisse des jeweiligen „Webdesigners“, aber nicht die des Benutzers.
 
Nicht-kommerzielle Websites  
Kommerzielle Websites  
Tourismus: Übernachtung  
Tourismus: Restaurants  
Tourismus: Meer  
Tourismus: Sport & Freizeit  
 
  Internet:

www.monte
argentario.info
Liste aller Internet-Sites von Monte Argentario, Porto Santo Stefano, Orbetello, Porto Ercole, Isola del Giglio und Umgebung.


 
    Medialer Alltag
Riccardo Bruni, Jahrgang 1961, ist Autor und Journalist aus Orbetello. In seinem Buch „La lunga notte dell’Iguana“ beschreibt er visionär den medialen Alltag im Jahr 2034:
 
   
 
  […] Ich pflanzte mich mit einem Tässchen Alka Selzer auf die Couch. Unter einem Sofakissen fand ich die Tastatur und gab das Password ein. Der Bildschirm wurde aktiviert und ich war im Netz. Ich rief meine Nachrichten auf, einschließlich der, vom Ministerium zur Resozialisierung notorischer Pessimisten, das mir einen neuen Termin und Zugangscode schicken sollte.
 
Erste Nachricht. Ein unglaublich behaarter Mann lächelt und beginnt zu sprechen: „75 Prozent aller Italiener bevorzugen eine neue, gut durchblutete Kopfhaut von Omegaquattro. Die Kopfhaut Omegaquattro ist die ideale Oberfläche für Ihre Haare. Sie ist das Lieblingskosmetika unseres Präsidenten. Auch er sagt: Sollte ich jemals eine neue Haarpracht nötig haben, würde ich nur Omegaquattro vertrauen. Und warum benutzen Sie noch nicht Omegaquattro?“ Eine bildschöne Frau streicht ihm durch die Haare und kitzelt sein Ohr mit ihrer Zunge. Er fährt fort: „Oder sehen Sie lieber aus wie eine Billiardkugel? Das würde ihr aber gar nicht gefallen.“
 
Zweite Nachricht: Eine Frau erscheint auf dem Bildschirm und tätschelt ihren nackten Busen. „Geben Sie sich nicht mit irgendeiner Brustoperation zufrieden. 65 Prozent der italienischen Frauen vertrauen bei Schönheitsoperationen nur Beautiful Dream.“ Der Bildausschnitt vergrößert sich und neben ihr sieht man jetzt zwei junge Menschen, die sich küssen. Er tätschelt den Busen seiner Freundin, sieht dann aber die andere Frau, die noch immer nackt daneben steht. Sofort schiebt er seine Freundin beiseite, wendet sich der Protagonistin dieses Werbespots zu, und beginnt ihren Busen zu tätscheln. Sie sagt: „Beautiful Dream ist vom Feinsten, wenn es um Liftings und Kosmetik geht. Und es ist gar nicht teuer. Alle italienischen Frauen lieben es. Und natürlich die Männer. Wann entscheiden auch Sie sich für Beautiful Dream? Was gibt es Schöneres, als einen perfekten Busen vorzeigen zu können?“
 
Dritte Nachricht. Nahaufnahme eines Sprechers mit asiatischen Gesichtszügen: „Die Nachrichten des Tages: Die Anzahl der Freiwilligen des Unfallrettungsdienstes nimmt weiter zu. Während seines Besuches beim italienischen Roten Kreuz dankte unser Präsident allen Jugendlichen, die ihre Freizeit dafür opfern, anderen zu helfen.“ Ein Film wird eingespielt, der einen blonden, vertrauensvoll wirkenden Jungen zeigt: „Ich liebe meine Familie, und ich weiß, dass es Mamma und Pappa nichts ausmacht, wenn ich mehr Zeit außerhaus verbringe, denn ich tue es ja für sie.“ Kamerafahrt über eine Piazza voller Jugendlicher. Der Präsident kommt ins Bild und lächelt mit seinen kleinen, schwarzen Augen in die Kamera: „Und schließlich sind wir alle eine große Familie.“ Der Nachrichtensprecher mit den asiatischen Gesichtszügen fährt fort: „20 Asylsuchende wurden verhaftet. Heute werden sie ihre Tat bereuen. Nach der letzten Meinungsumfrage bevorzugen 92 Prozent der Zuschauer unser Nachrichtenangebot. Wir freuen uns, dass es Ihnen gefällt. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Bis zur nächsten Ausgabe.“
 
Ich nahm ein Schlückchen vom Alka Selzer, in der schwachen Hoffnung, dass es irgendeinen Eingang in meinen verkrampften Magen fände.
 
Vierte Nachricht. Auf dem Bildschirm ein älterer Herr in weißem Hemd und in hervorragender körperlicher Verfassung: „Die Zahl der Pessimisten nimmt auch weiter ab. Die Massnahmen des Ministeriums zur Resozialisierung notorischer Pessimisten sind ermutigend. Immer mehr Bürger mit einem Pessimismus-Quotienten von 9, also kurz davor, zu politischen Verbrechern zu werden, können resozialisiert werden. Das System funktioniert.“ Siehe beigefügte Statistik. Der Herr im weißen Hemd fährt fort: „Bei dieser Gelegenheit, lieber Mitbürger, möchte ich Sie an Ihre Sitzung bei Ihrem Analytiker erinnern. Sie beginnt in fünf Minuten.“
 
Fünfte Nachricht. Nur Ton, der Bildschirm bleibt weiß. „Ciao, Fargo. Lebst du noch? Ich bin dein Schutzengel und habe einen Job für dich. Morgen abend im Planet.“
 
War das Prisco? Ich hörte die Nachricht noch einmal ab. Es war Prisco. Wie war das möglich?
 
Sechste Nachricht. Ein als Collegegirl verkleidetes Mädchen mit zwei blonden Zöpfen: „Nur für dich. Xroom-Pornografie. Denn du willst nur perfekte Körper. Garantiert legal.“ Das Mädchen schiebt eine Hand unter ihren Minirock. „Xroom. Schalte deinen Holographen ein und schlüpfe in deinen Cyberslip und alles wird wie in der Wirklichkeit sein.“ Nahaufnahme mit einem kleinen Dauerlutscher an ihren roten Lippen. „Das wird sogar noch besser als die Wirklichkeit.“
 
Prisco. Von ihm hatte ich seit einer Ewigkeit nichts mehr gehört.
 
Siebte Nachricht. Zwei Frauen sitzen auf einem Sofa. Eine von ihnen ist stark gebräunt. Die mit der blassen Haut sagt zur anderen: „Du hast eine tolle Bräune, meine Liebe. Wie ich dich beneide! Ich habe leider kaum noch Zeit, mich unter die Lampe zu legen.“ Die gebräunte Frau dreht sich mit einem Lächeln um und antwortet: „Seit ich Brozarella entdeckt habe, brauche ich mich nicht mehr unter die Lampe zu legen.“ Nahaufnahme der Frau. Sie hält eine Fläschchen mit Pillen neben ihr dunkles Gesicht. „Bronzarella. Nur eine Tablette vor dem Schlafengehen. Für eine Bräune, die alle beneiden werden.“
 
Ende der Nachrichten. Ich beendete die Verbindung und löschte alles. […]
 

   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Bibliografie:

Riccardo Bruni:
la lunga notte
dell’Iguana,
Editrice effequ,
Orbetello, 2004.

 
 
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