| Monte Argentario Almanach: Kultur > Caravaggio |
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| Auf dieser Seite: Über diesen Aufsatz Über Mailand nach Rom Spreu und Weizen |
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Auf der Flucht Ankunft in Porto Ercole Fakten und Fiktionen |
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David und Goliath, 16091610, Öl auf Leinwand, 125 x 101 cm, Rom, Galleria Borghese. |
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| Geschichte & Mythos: Caravaggios Tod in Porto Ercole |
| Von Alessandra Galizzi Kroegel |
Für die Bewohner des Monte Argentario sowie für Reisende, die so leicht von der Schönheit dieses Ortes überwältigt werden, sind die Strände von Porto Ercole untrennbar verbunden mit dem tragischen Schicksal des Malers Caravaggio, der im Sand einer dieser Strände am 18. Juli 1610 fiebernd, einsam und verzweifelt sein Leben aushauchte. Dieses tragische Ende eines abenteuerlichen Lebens ist nun schon seit Jahrhunderten fester und unauslöschbarer Bestandteil der lokalen Geschichtschreibung. Warum der Künstler Caravaggio überhaupt in diese Gegend kam, ist weitgehend unbekannt. Ebenso unbekannt bleibt bis heute der eigentliche Ort, an dem er starb. Die Platzierung einer kleinen Stele im Pinienwald von Feniglia basiert auf keiner erkennbaren historischen Dokumentation. In diesem Aufsatz wird also versucht, den Lesern des Almanachs eine Zusammenfassung der Ereignisse zu geben, eine Schilderung des ausgesprochen abenteuerlichen und problematischen Lebens des Malers Caravaggio, der bereits außer sich vor Angst ist, als er in Porto Ercole ankommt und dessen Leben schon bald durch die Malaria beendet sein wird. Diese Darstellung muss zwangsläufig unvollständig sein und manches berichtete Detail bleibt zweifelhaft, da bis heute alle kunsthistorischen Untersuchungen noch keine präzise Rekonstruktion der letzten Tage des Malers liefern können, obwohl erst vor kurzem einige wichtige, bisher unveröffentlichte Dokumente gefunden wurden. Durch die kunsthistorischen Untersuchungen wird aber immer deutlicher, dass die üblichen und maßgeblichen Quellen zu Caravaggio die Biografien der Kritiker Baglione und Bellori aus dem 17. Jahrhundert die Nachricht vom Tode des Malers am Strand von Porto Ercole dazu genutzt haben, geradezu einen Mythos zu konstruieren, um die revolutionäre Bedeutung der Kunst Caravaggios zu unterminieren. Auch diesen Mythos werden wir noch kurz betrachten. |
Der Westen erreichte eine so rasante Entwicklung, die sich innerhalb von 100 Jahren, von der Zeit Dantes, Giottos und Petrarcas bis zur Zeit Brunelleschis, Albertis und Piero della Francescas entfaltete, weil er ein neues System für die Begründung von Aussagen erfand, nämlich die Kunst. Bazon Brock, (*1936), Autor und Professor für normative Ästhetik, Bonn, Juni 2004 Copyright |
| Über Mailand nach Rom Michelangelo Merisi wird im Ort Caravaggio unweit von Bergamo am 29. September 1571 geboren. Seine Familie ist relativ wohlhabend und steht in Diensten eines Zweiges der Familie Sforza, die Mailand lange Zeit regiert hatte. Der junge Michelangelo Merisi zieht 1584 in die Hauptstadt der Lombardei, um bei dem einigermaßen erfolgreichen manieristischen Maler Simone Peterzano in die Lehre zu gehen. Mit wenig Interesse für die edle Kunst und einer leichten Arroganz ausgestattet, muss Caravaggio die kunstgeschichtlich wichtigen und damals hochgeschätzten Maler Lotto, Savoldo, Moretto und die Campis als künstlerische Vorbilder studieren. Sie repräsentieren den heute so genannten lombardischen Naturalismus. Ihre Art zu Malen verzichtet auf die Monumentalität der Hochrenaissance und zeigt eher eine unmittelbare Nähe zur Natur und zu einfachen, alltäglichen Ereignissen im nahen Umfeld des Betrachters. Einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung Caravaggios der hier bereits eine leicht reizbare und rauflustige Ausprägung an den Tag legt, die später noch üble Konsequenzen für ihn haben wird hat sicherlich auch die eher ernste Stimmung des gegenreformatorischen Mailand: streng und ungeschönt, doch gleichzeitig gefühlvoll und mitreißend. Aufgeheizt in diesem Spannungsbereich und auf der Suche nach neuen Abenteuern, oder einfach nur, weil er nach einigen Übeltaten eine Luftveränderung braucht, zieht Caravaggio 1592 nach Rom. Die ersten Arbeiten, die ihm mit Sicherheit zugeordnet werden können, stammen aus eben dieser Zeit und zeigen, wie der jugendliche Lombarde von Anfang an ein revolutionäres Verständnis der Malerei in die Hauptstadt mitbringt. Neu und ungewöhnlich ist besonders seine Wahl der Motive, aber schon bald auch sein Malstil, der in zunehmendem Maße die herkömmlichen Vorstellungen und Kompositionen von Licht und Farbe auf den Kopf stellt. Während dieser Schaffensperiode, von 1592 bis 1599, versucht sich Caravaggio an profanen, religiösen und Genrebildern, Szenen mit Musikern, Spielern und Zigeunern. Er bevölkert seine Bilder mit Personen, die eindeutig von der Straße stammen und keinesfalls das gültige Schönheitsideal repräsentieren sondern das wahre Leben. Auf seiner Palette benutzt er vorzugsweise warme und erdige Töne, also natürliche Farben. Er überrascht die Betrachter seiner Bilder mit kleinen, provokanten Bacchusfiguren, deren Vorbilder unzweifelhaft der Halb und Unterwelt Roms entstammen, in der er selbst ein und ausgeht. Oder mit einfachen Frauen aus dem Volk, die er in Heilige verwandelt und die dem Betrachter auf verblüffende Art vertraut vorkommen (z.B.: La Maddalena convertita / Maria Magdalena, ca 1595; Rom, Galeria Doria Pamphili). Diese Bilder gelten heute als die ersten bewussten Manifestationen eines absoluten Realismus in der europäischen Malerei. Tatsächlich gibt es zahlreiche Quellen, die Caravaggios tiefe und ausdrückliche Abneigung gegen alles bezeugen, was nicht das wahre Leben darstellt. Die Tragweite dieser künstlerischen Revolution erreicht ihren Höhepunkt, als der Maler nach seinen ersten dürren Jahren in Rom Gnade vor den Augen der wichtigsten Kunstsammler findet und endlich auch öffentliche Aufträge erhält: Die Leinwändbilder für die Cappella Contarelli in San Luigi dei Francesi (15991600) und für die Cappella Cerasi in Santa Maria del Popolo (16001601). Es handelt sich dabei um figürliche Darstellungen der Erleuchtung und des Martyriums einiger Heiliger, also um geschichtliche Darstellungen. Es ist ein Genre, das in jener Zeit als sehr anspruchsvoll und prestigeträchtig angesehen wird, weil es dazu dient, wichtige und edle Inhalte zu vermitteln. Mit Beginn dieser Werke definiert Caravaggio sein Kunstverständnis. Er verwirft die herkömmlichen kompositorischen Regeln und wird zum Wegbereiter des Barock. Die Abbildungen immer noch voller Straßengesindel, deren Herkunft man geradezu riechen kann verwandeln sich in theatralische Szenen. Räume werden wie die Kulissen einer Bühne organisiert und mit hartem, künstlichen Licht beleuchtet, um den Höhepunkt einer Geschichte dramatisch darzustellen. Auf seiner Farbpalette fehlen jetzt die Goldtöne der ersten Werke. Stattdessen konzentriert er sich auf Hauttöne, die vor pechschwarzen Hintergründen aufleuchten. |
![]() Michelangelo Merisi di Caravaggio, gezeichnet von Ottavio Leoni, 1621. Internet Alle Werke Caravaggios: Web Gallery of Art www.wga.hu Galleria Barberini, Borghese, Corsini, Spada e Castel SantAngelo: www.galleria borghese.it |
| Auf der Flucht Sommeranfang des Jahres 1606: Von nun an wird Caravaggio keine Ruhe mehr finden und ständig auf der Flucht sein. Er wird innerlich zerrissen, einerseits von der Notwendigkeit sich vom Kirchenstaat, in dem er zum Tode verurteilt wurde, fernhalten zu müssen, andererseits vom quälenden Heimweh nach Rom, seiner zweiten Heimat, der Stadt, wo er seine Kunst entwickeln konnte, wo er anerkannt und bewundert wurde. Die erste dokumentierte Station seiner Irrfahrt wird Neapel, quirlige Metropole und Hauptstadt des spanischen Vizekönigreichs. Zwischen Ende 1606 und Mitte des folgenden Jahres erhält er eine Reihe öffentlicher Aufträge. Der wichtigste ist die Arbeit Le sette opere di Misericordia für die Kirche Pio Monte della Misericordia, die einen starken Einfluss auf die lokalen Künstler hat. Doch bereits im Sommer des Jahres 1607 macht er sich auf den Weg nach Malta, einer Einladung des Großmeisters der Malteserritter, Alof de Wignacourt, folgend. Wahrscheinlich hatte man ihm eine Reihe wichtiger Aufträge versprochen und vor allen Dingen die Ernennung zum Malteserritter. Caravaggio hofft wohl, dass er als Ritter des ehrenhaften Malteserordens, dessen Mitglieder der gesellschaftlichen Elite angehören und strengen religiösen Regeln folgen, Schutz vor weiterer gesetzlicher Verfolgung findet und vielleicht sogar vom Papst amnestiert werde. Nach einem Jahr als Novize, in dem er ein Bild von enormer Bedeutung malt Die Enthauptung des Johannes für die Kathedrale von La Valletta wird Caravaggio am 14. Juli 1608 tatsächlich auch zum Malteserritter geschlagen. Sein trüber Charakter ein Adjektiv, das seine Biografen häufig benutzen führt leider dazu, dass er sich nie lange aus Schwierigkeiten heraushalten kann. Schon wenige Wochen nach seiner Ernennung zum Malteserritter lässt er sich wieder in eine Schlägerei verwickeln und begeht abermals ein Verbrechen, dessen Ausmaß zwar nicht genau bekannt ist, aber schwer genug sein musste, dass der Künstler erneut im Gefängnis landet. Auf mysteriöse Art und Weise kann er fliehen und die Insel Malta verlassen, allerdings ohne die Einwilligung des Ritterordens und verstößt daher gegen dessen eiserne disziplinarische Regeln. Er flieht nach Sizilien und hastet bis zum Sommer des folgenden Jahres wie ein waidwundes Tier von Syrakus nach Messina und von Messina nach Palermo. Seine hier gemalten Bilder werden immer düsterer, und seine szenischen Darstellungen verschwinden nahezu in abgrundtiefer Dunkelheit. Einer lokalen Quelle nach benimmt er sich in dieser Zeit wie ein Besessener, und sein Verhalten wird immer asozialer und paranoider. Zweifellos fühlt Caravaggio sich jetzt ausweglos umzingelt, und zwar nicht nur von der päpstlichen Gewalt, sondern auch von den Malteserrittern, die ihn mittlerweile wie einen räudigen Hund (come un membro putrido e fetido) aus dem Orden ausgeschlossen haben. Ihr Großmeister Alof de Wignacourt ist bekannt für seine Rachlust. Es ist daher nicht auszuschließen, dass de Wignacourt der Drahtzieher jenes Hinterhalts ist, in den der Maler im Oktober 1609 vor einer Herberge in Neapel gerät, wohin er nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Palermo geflüchtet ist. Caravaggio wird bei einem Hinterhalt im Gesicht verletzt vielleicht sogar schwer verunstaltet und er versucht wohl, seine eigenen körperlichen und seelischen Schmerzen in einem Selbstportrait von 16091610 auszudrücken: Es zeigt ihn mit blutüberströmtem, abgeschnittenen Haupt als Goliath im Gemälde David und Goliath (Galleria Borghese). Möglich, dass er sich mit diesem Bild es ist eines seiner letzten bei Kardinal Scipione Borghese, dem Enkel von Papst Paul V., einzuschmeicheln versucht, denn er hofft immer noch, durch die Hilfe hochrangiger Kirchenfürsten päpstliche Vergebung zu erlangen und endlich nach Rom zurückkehren zu können. Nach diesem Hinterhalt brennt ihm auch in Neapel der Boden unter den Füßen. |
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